Hellenen und Philhellenen – Prof. Dr. Günther S. Henrich

Unsere Reihe „Hellenen und Philhellenen“ wird heute mit Prof. Dr. Günther S. Henrich fortgesetzt. Der Neogräzist und Byzantinist erzählt uns hier von seinen Studienjahren in Hamburg, im nordgriechischen Ioannina und in Thessaloniki, von seinen Erlebnissen als Doktorand in Griechenland in der Zeit der griechischen Militärdiktatur (1967-1974), von der Begegnung mit seiner späteren Frau an der Universität Thessaloniki, von seinen Lehrjahren und seiner wissenschaftlichen Forschung in Hamburg und Leipzig und von seiner Begeisterung für das griechische Alphabet, die ihn sehr früh zur Bindung mit der griechischen Sprache und Griechenland geführt hat. Prof. Henrich stand zehn Jahre lang (2002-2012) an der Spitze der Deutsch-Griechischen Gesellschaft Hamburg e.V. und ist deren Ehrenmitglied.

Professor Günther S. Henrich, © P.M.Pantelouris

Von Wien nach Hamburg

Ich wurde am 15.8.1938 in Wien geboren (meine Eltern waren Reichsdeutsche). Als ich drei Jahre alt war, übersiedelte meine Familie nach Hamburg. Ich verbrachte die folgenden Kriegsjahre mit meiner Großmutter in Haffkrug an der Ostsee. 1945-49 besuchte ich die Grundschule in Hamburg, wo ich das Glück hatte, bei hervorragenden Pädagogen lernen zu dürfen.

1949-57 ging ich ebendort auf das altsprachliche Gymnasium Johanneum. Ich war vom Gebäude und der ganzen Atmosphäre sehr beeindruckt, ganz besonders von der exzellenten Bibliothek, wo ich viel später sogar wissenschaftliche Texte über die spätbyzantinische Zeit entdeckte.

Die Faszination des griechischen Alphabets

Mein Interesse am Griechischen erwachte schon kurz vor Beginn des Altgriechisch-Unterrichts dadurch, dass man uns das Anfangslehrbuch schon am Ende der vorangehenden Klasse ausgehändigt hatte und ich das darin enthaltene griechische Alphabet als besonders schön empfand – also lernte ich es schon in den Ferien, was mir von Anfang an einen gewissen Vorteil gegenüber meinen Mitschülern verschaffte. Ein Jahr zuvor hatte der Latein-Unterricht begonnen, und besonderen Spaß – mehr konnte es damals nicht sein – machte mir, Lateinisch, (Alt-)Griechisch, Deutsch und Englisch zu vergleichen. Da ich auch sonst für sprachliche Strukturen sensibel war, überlegte ich, nach dem Abitur allgemeine Sprachwissenschaft zu studieren; meine Umgebung riet mir aber davon ab („brotlose Kunst“). So wandte ich mich den klassischen Schulsprachen zu.

Abiturjahrgang 1957 der Gelehrtenschule des Johanneums
(Henrich vorne links stehend) © privat

Die Begeisterung für die griechische Sprache

Hilfreich waren fürs neuere Griechisch – schon während der Ferien vor Beginn des Altgriechisch-Unterrichts – einige Texte, die meinem Vater gehört hatten, und die Bekanntschaft mit einem griechischen Muttersprachler, mit dem ich über das Neugriechische sprechen konnte. Während des Studiums in Hamburg lernte ich Neugriechisch bei Prof. Stamatis K. Karatzas, dessen Interesse an der griechischen Sprachgeschichte ich teilte. Er wurde bald fast zu einer Vaterfigur für mich. Deshalb folgte ich ihm nach Griechenland, als er dorthin berufen wurde. So ist er mein erster Doktorvater geworden, konnte mich aber leider nicht bis zum Abschluss betreuen, da er im Februar 1968 von der Obristen-Diktatur entlassen wurde.

Philosophische Fakultät der Aristoteles-Universität Thessaloniki, © privat

Mein Dissertationsthema („Vokative und Genitive auf –o der os-Maskulina im Mittel- und Neugriechischen“, auf Griechisch) spiegelt unser beider sprachhistorische Interessen wider. Die Betreuung der Dissertation wurde von Prof. Michail Setatos (Universität Thessaloniki) zu Ende geführt. Es war dabei besonders interessant, in älteren Texten die Verteilung der alt- und neugriechischen Formen zu vergleichen und darin ein System zu entdecken, wobei mich die neueren Dialekte als weitere Möglichkeiten der Entwicklung aus dem Altgriechischen faszinierten.

Die Studienjahre in Griechenland – Die Militärdiktatur

Die Jahre, die ich in Griechenland verbrachte, wurden durch Stipendien des DAAD und des griechischen Kulturministeriums finanziert, wofür ich beiden Institutionen sehr dankbar bin. Dieser Aufenthalt fand teils in Ioannina, größtenteils aber in Thessaloniki statt. So hatte ich die Möglichkeit, das griechische Leben an der Quelle kennenzulernen und meine Sprachkenntnisse zu vervollkommnen. Nicht zuletzt lernte ich dabei meine griechische Frau in Thessaloniki kennen. Dies geschah in einer besonderen Vorlesung von Prof. Emmanouil Kriarás, kurz bevor ihn die Obristenjunta wegen seiner demokratischen Einstellung aus dem Amt entfernte. Er hatte uns Hausarbeitsthemen aus dem Bereich des mittelalterlichen Zypriotischen aufgegeben und den schicksalsschweren Satz hinzugefügt: „Diese Themen bedingen sich gegenseitig; Sie sollten zusammenarbeiten“, was wir ja auch getan haben…

Mit seiner späteren Frau Kyriaki 1968 in Thessaloniki, © privat

Während der Jahre der Diktatur herrschte ein Klima, als ob die Menschen sich eine innere Zensur auferlegt hätten. Man konnte natürlich über Politisches nicht frei reden, unter Freunden aber wurde intensiv über die Situation diskutiert. Ein Freund von mir in Ioannina, dem seine kommunistischen Eltern den verhängnisvollen Namen „Laokratis“ („Volksherrscher“) gegeben hatten, landete wegen prodemokratischer Äußerungen im Gefängnis von Kerkyra (Korfu).

Im ganzen Land spürte man, dass es ein Polizeistaat geworden war. Der Universitätsbetrieb lief zwar weiter, aber mit der Einschränkung, dass gerade ein Teil der besten Professoren entlassen worden war. Die Entlassungswelle betraf natürlich nicht nur die Hochschulen sondern auch die Grundschulen, vor allem aber die Gymnasien. Das Lehrpersonal wurde auf allen Ebenen empfindlich reduziert. Das Gleiche galt auch für andere staatliche Institutionen. Persönlich wurde ich zwar nicht verfolgt – schließlich hatte ich ja keine Arbeitsstelle – , nicht selten bemerkte ich aber, dass ich von der Polizei beobachtet wurde.

1971 heirateten die Neogräzistin Kyriaki (Kula) Chryssomalli und ich im Agios Dimitrios von Thessaloniki. Später bekamen wir zwei Söhne, Alexander und Nikolaus. In den letzten Jahren kamen zwei Enkelinnen zur Welt.

Dozent an der Universität Hamburg

Im Oktober 1971 zogen wir nach Hamburg, wo glücklicherweise die Stelle des Neugriechisch-Lektors gerade vakant war; ich bewarb mich und bekam sie, als einer von acht Kandidaten, gegen gewichtige Konkurrenz, darunter  solche von Muttersprachlern. So hat für mich eine lange Zeit unter Leitung des angesehenen Byzantinisten Prof. Athanasios Kambylis begonnen, an dessen meisten Seminaren ich teilnahm.

Parallel zu meiner Lehre habe ich in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem neueren Griechisch nie nachgelassen und eine Reihe von Arbeiten auf diesem Gebiet publiziert. 1989 wurde in dem Band „Eine Sprachlehre von der Hohen Pforte“ (hrsg. von Werner Lehfeldt) mein Beitrag, die Ausgabe des griechischen Textes, welcher Teil einer viersprachigen Handschrift (arabisch, persisch, serbisch und griechisch) aus der Bibliothek der Agia Sofia ist, veröffentlicht. Es handelt sich um eine ganz besondere Handschrift, welche in arabischer Schrift die Versionen aller vier genannten Sprachen beinhaltet, eine Art Dialog zwischen Lehrer und Schüler zum Zweck der Spracherlernung im frühen Osmanischen Reich. Ich musste die arabische Schrift lernen, um den griechischen Text entziffern und ins griechische Alphabet übertragen zu können. Während ich dies tat, erkannte ich, dass im griechischen Text viele Elemente des pontischen Dialekts vorhanden sind. Darüber habe ich später Weiteres publiziert. Als dies allgemeiner bekannt wurde, hat mich die Vereinigung der Pontier in Hamburg zum „Ehrenpontier“ ernannt.

Eine Variante des Pontischen bildet das „Mariupolitische“ in ca. 20 Dörfern bei der Stadt Mariupol am Asowschen Meer. Die Sprecher dieses Dialekts, der ursprünglich im Süden der Krim gesprochen wurde, waren auf Einladung von Katharina der Großen nach Norden gekommen, hatten Mariupol sowie die umliegenden Dörfer gegründet und sollten ein christliches Bollwerk gegen die Muslime bilden. Darüber habe ich, teils in Zusammenarbeit mit einer gebürtigen Mariupolitin, Frau Prof. Dr. Äkaterini Zhuravliova, publiziert.

Professor in Leipzig

1994 wurde ich auf den neugegründeten Lehrstuhl für Byzantinistik und Neogräzistik in Leipzig berufen. 2003 erfolgte meine Emeritierung. 1979-1994 war ich Sekretär der Deutschen Byzantinistischen Gesellschaft, 1988-2008 2. Vorsitzender der Neogräzisten Deutschlands, 1998-2002 Mitglied des Vorstands der Europäischen Gesellschaft für Neugriechische Studien und 2002-2012 Vorsitzender der Deutsch-Griechischen Gesellschaft Hamburg. Im Sommersemester 2008 übernahm ich eine Vertretungsprofessur an der Universität Hamburg und im Wintersemester 2010-2011 eine Vertretung an der Universität Kiel.  

Mit dem bekannten Politologie-Professor und Mitglied der Athener Akademie der Wissenschaften Paschalis Kitromilidis, in Leipzig © privat

Mein ständiges Interesse an den griechischen Dialekten führte mich auch zu denen der Dodekanes. Außer mit verschiedenen anderen Arbeiten beschäftigte ich mich mit einer kritischen Ausgabe des Thanatikón tis Ródu („Pest auf Rhodos“ von Emmanuíl/Manólis Limenítis, aus der Zeit um 1500), die eine wichtige und umfangreiche Arbeit wurde (Thessaloniki 2015, 122 S. – INS, Paliótera keímena tis Neoellinikís Logotechnías 8). In diesem Zusammenhang entdeckte ich ein System zum Verbergen des Verfassernamens in antiken und mittelalterlichen griechischen poetischen Texten, das ich „Kryptosphragis“ zu nennen vorschlug – es liegt auf der Hand, dass ein solches System für die Auffindung des Autornamens anonym überlieferter Gedichte von großem Wert sein kann. So gelang es mir, eine Reihe von Texten der Kretischen Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts unter diesem Aspekt zu untersuchen und bekannten Autoren zuzuordnen, z.B. Georgios Chortatsis oder Vitsentzos Kornaros. Da ich auch immer namenkundlich interessiert war, beschäftigte ich mich in mehreren Veröffentlichungen  mit der griechischen Onomatologie. 

»Pest auf Rhodos« von Manolis Limenitis
»Erotokritos« von Vitsentzos Kornaros

Evgenios Vulgaris

Während meiner Leipziger Zeit organisierte ich einen internationalen Kongress über „Evgenios Vúlgaris und die Neugriechische Aufklärung in Leipzig“ (16.-18.10.1996, die Akten veröffentlicht in Leipzig, Universitätsverlag 2003).

Eröffnung des Vulgaris-Kongresses 1996 in Leipzig, © privat

1764  kam Vulgaris nach Leipzig, lehrte dort zwar nicht, studierte aber eifrig alles, was er an Neograeca vorfand. Er übersetzte viel aus dem Deutschen und Französischen, u.a. Voltaire, und verfasste eigene Abhandlungen über Physik und Mathematik. U.a. hat er den wichtigen Begriff für (religiöse) Toleranz, „anexithriskía“, im Griechischen geschaffen (1768), der auf seinem philosophisch-aufklärerischen Denken beruht. 1766 erschien die Logikí, sein philosophisches Hauptwerk als Aufklärer. Da das „Griechenhaus“, worin er gewohnt hatte, im 2. Weltkrieg zerstört wurde, hat man auf meine Anregung hin an seiner Stelle 1999 eine bronzene Gedenktafel in den Boden eingelassen.

Gedenktafel am Griechenhaus, © Christos Vittoratos, Creative Commons Attribution 2.5
Evgenios Vulgaris (1716-1806)

Vulgaris’ verbreiteter Ruf als Wissenschaftler veranlasste Katharina II. („die Große“), ihn nach St. Petersburg zu berufen, damit er Organisation und Aufsicht ihrer Hofbibliothek übernahm. Dort starb er am 12. Juni 1806. Er war einer der wichtigsten Repräsentanten des griechischen aufklärerischen Geistes vor dem Aufstand gegen die Türken 1821.

Mit seiner Frau Dr. Kyriaki Chryssomalli-Henrich, © P.M.Pantelouris

In letzter Zeit lese ich viel und freue mich immer, wenn unsere Enkelinnen das Wochenende bei uns verbringen und unsere Söhne Alexandros (43, Dr. med) und Nikos (41, Dr. jur.) mit ihren Frauen zum Sonntagsessen kommen.

Mit seiner jüngsten Enkelin, © privat


Prof. Dr. G. S. Henrich, Hamburg / Oktober 2020


Unsere bisherigen Porträts in der Reihe Hellenen & Philhellenen:

Rainer Scheppelmann
Dr. Virginia Green
Prof. Dr. Günther S. Henrich
Marily Stroux
Alkiviadis Thomas