Zur Geschichte der Deutsch-Griechischen Gesellschaft in Hamburg

1. Die Gründung der (gesamtdeutschen) Deutsch-Griechischen Gesellschaft 1914  in München

Im Februar 1914 gründeten namhafte deutsche und griechische Persönlichkeiten die erste Deutsch-Griechische Gesellschaft mit Sitz in München.  Zu den Gründungsmitgliedern gehörten:

Wilhelm Dörpfeld
Wilhelm Dörpfeld

Der Architekt und Archäologe Professor Wilhelm Dörpfeld, Berlin, Prof. Dr. August Heisenberg, Byzantinist an der Universität München, Georgios Chatzidakis, Professor an der Universität Athen, Stephanos Dragoumis, ehemaliger griechischer Ministerpräsident, Prof. Dr. Georg Karo, Erster Sekretär (Direktor) des Deutschen Archäologischen Instituts in Athen, Spyridon Lampros, Professor an der Universität Athen, der Bankdirektor und Königlich-Griechische Generalkonsul in München Dr. Josef Löhr, Prof. Dr. Nikolaos Politis, Professor an der Universität Athen und Prof. Dr. Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Professor an der Universität Berlin.

Nach ihrer Gründung ließ die Deutsch-Griechische Gesellschaft einen Aufruf zum Beitritt drucken, in dem sie auch ihre Ziele formulierte. Die Schirmherrschaft der Gesellschaft übernahm Königin Sophie von Griechenland (1870-1932), eine Schwester Kaiser Wilhelms II.

Werner von Melle
Werner von Melle

Der Aufruf wurde durch weitere namhafte Persönlichkeiten unterstützt und verbreitet, darunter auch Hamburger wie der spätere Erste Bürgermeister und Gründer der Hamburger Universität Dr. Werner von Melle, der Direktor der Hamburg-Amerika-Linie Dr. Otto Ecker und der Althistoriker Prof. Dr. Erich Ziebarth. Die Gesellschaft gewinnt so Mitglieder in ganz Deutschland. Ein Großteil des erhaltenen Schriftverkehrs unterzeichnet Dr. Paul Marc, neben August Heisenberg Herausgeber der Byzantinischen Zeitschrift.

2. Der Aufruf von 1914

Hier finden Sie den Text des Aufrufs vom 1914, in dem die Gründung einer Deutsch-Griechischen Gesellschaft für ganz Deutschland und die Herausgabe der Zeitschrift „Hellas“ angekündigt wird:

AUFRUF

 

Zur Pflege der Beziehungen zwischen Deutschland und Griechenland ist als besondere Vereinigung die, DEUTSCH-GRIECHISCHE GESELLSCHAFT“ ins Leben gerufen worden. Die Gesellschaft soll ein Ausdruck sein für die traditionellen freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern und soll diese Beziehungen festigen und vertiefen durch wechselseitige Aufklärung über die Eigenart und die Interessen der beiden Völker und durch Unterstützung jeder Art von persönlicher Verbindung.

 

Als ihre nächste Aufgabe betrachtet die Gesellschaft, die von wissenschaftlichen Kreisen ihren Ausgang nimmt, die Herausgabe einer Zeitschrift, in der das deutsche Publikum über Griechenland orientiert wird.

 

 

Aufruf 1914
Der Aufruf zur Gründung einer Deutsch-Griechischen Gesellschaft

Späterhin wird die Gesellschaft weitere Aufgaben in Angriff nehmen können, wie die Übersetzung griechischer Werke ins Deutsche und deutscher ins Griechische, die Gewährung von Reisestipendien für Forschungen, die in der von der Gesellschaft verfolgten Tendenz liegen; sie wird auch für die Propagierung deutscher Ideen in Griechenland und in der griechischen Presse zu wirken suchen.

 

Die Veranstaltung von Vorträgen und gelegentlichen gesellschaftlichen Zusammenkünften wird sich aus den lokalen  Verhältnissen ergeben.

 

Die ZEITSCHRIFT, die ab 1. Oktober 1914, spätestens ab 1. Januar 1915  in loser Reihenfolge der Hefte, später vielleicht als Monatsschrift erscheint  soll das deutsche Publikum in populären, aber gründlichen Artikeln  informieren über die neuere Geschichte und das Wirtschaftsleben Griechenlands , über griechische Kultur und Wissenschaft, über die Kirche und das Volksleben Griechenlands,  schließlich auch über griechische Politik; sie wird Skizzen bringen über hervorragende Persönlichkeiten Griechenlands, über griechische literarische Neuerscheinungen, über die archäologische Arbeit in Griechenland, über das geistige Leben in Athen, gelegentlich auch touristische und landschaftliche Schilderungen;

sie wird berichten über wirtschaftliche Einrichtungen und Möglichkeiten in Griechenland und vor allem über die Organisationen in den von Griechenland neugewonnenen Ländergebieten, über die griechische Armee und Flotte und alles, was eben von Interesse sein kann. Die Beigabe von Illustrationen ist geplant. Die Zeitschrift führt den Titel „Hellas“, der die historische Kontinuität in gleichem Maße betont wie das Interesse für das moderne Griechenland, und der im Deutschen wie im Griechischem gleich bezeichnend und geläufig sein wird.

 

Hellas
Erste Ausgabe der Zeitschrift Hellas

Als Mitarbeiter sind gründliche deutsche Kenner Griechenlands gedacht, besonders aber auch Griechen, die hier ein Organ erhalten werden, um über ihr Land zu dem deutschen Publikum zu sprechen; die Artikel  erscheinen alle in deutscher Sprache, griechisch gelieferte Beiträge also in Übersetzung.  Die Redaktion übernimmt Dr. Paul Marc* in München. Die Zeitschrift wird allen Mitgliedern der Gesellschaft gratis geliefert.

Der Byzantinist Dr. Paul Marc wurde 1923 Geschäftsführer des Hamburger Instituts für Auswärtige Politik (Direktor bis 1933 war Albrecht Mendelsohn-Bartholdy), das 1937 nach Berlin verlegt wurde, als „Deutsches Institut für Außenpolitische Forschung“. Der Maler Franz Marc war der jüngere Bruder von Paul.

3. Die Gründung der Hamburger Ortsgruppe 1918

Im Laufe des Ersten Weltkriegs wurde die Notwendigkeit der Organisation der Deutsch-Griechischen Gesellschaft in Ortsgruppen deutlich. Im April 1918 bemüht sich Frau Helene Fera, Mitinhaberin der Firma Ferdinand Fera, Im- und Export von Weinen und Spirituosen, Mitglied der gesamtdeutschen Deutsch-Griechischen Gesellschaft und spätere Schwiegermutter der Hamburger Bürgerschaftsabgeordneten Charlotte Fera (1957-1993), um die Gründung einer Hamburger Ortsgruppe, was von der Münchner Gesamtgesellschaft „mit herzlichem Dank und freudiger Zustimmung“ begrüßt wird, wie folgender Brief des Vorstandsmitgliedes Professor Dr. Paul Wolters (1) zeigt:

An
Frau Helene Fera

 

April 1918
Sehr geehrte gnädige Frau,

 

ich bitte Sie, die etwas verspätete Antwort auf Ihren Brief vom 6. nicht meiner Saumseligkeit, sondern der Tatsache zuzurechnen, daß – wie ich Ihnen schon schrieb – unser Geschäftsführer und unser Vorsitzender, Prof. August Heisenberg (2) im Heeresdienst stehen und abwesend sind. Vielleicht hat letzterer Ihnen inzwischen selbst schreiben können. Jedenfalls kann ich Ihnen heute, wie ich Ihnen schon andeutete, auch von seiner Seite mit herzlichem Dank freudige Zustimmung zu Ihrem Plan aussprechen, in Hamburg eine 0rtsgruppe der DGG zu gründen. Wie Sie wissen, hat der Krieg 1914 unsere Gründung gerade im entscheidenden Augenblick der Entwicklung getroffen, und gelähmt, und wir müssen nun versuchen, trotz aller Ungunst der Zeiten das Nötige zu erreichen. Ihre Ortsgruppe in Hamburg würde die erste solcher Gründungen in Deutschland sein, hoffentlich die erste einer stattlichen Reihe. Wie die Einzelheiten des Verhältnisses geregelt werden können, bitte ich Sie zunächst zu erwägen und hierher in Vorschlag zu bringen. Eine gewisse Centralisation zu einheitlicher und darum starker Wirkung ist ja ebenso nötig, wie eine örtliche Verzweigung zum Zwecke der weiten und tiefwurzelnden Verbreitung unserer Ideen. Die Gemeinsamkeit der Ziele wird die Formen leicht finden lassen. Was wir bisher veröffentlicht haben, ist Ihnen von unserer Geschäftsstelle zugegangen.

 

Die poltische Lage hat uns bisher absolut gehindert, literarisch aufzutreten. Alles was wir tun konnten war direkte Hilfeleistung, namentlich in Görlitz.

 

(1) Paul Wolters, *1.9.1858 in Bonn, †21.10.1936 in München, war Klassischer Archäologe. Von 1887-1900 war er Zweiter Sekretär am Deutschen Archäologischen Institut, Athen, 1900 wurde er zum Professor an der Universität Würzburg, 1908 an der Universität München ernannt. Er war mindestens bis 1919 Mitglied im Vorstand der DGG.

(2) August Heisenberg, *13.11.1869 in 0snabrück, †22.11.1930 in München. Heisenberg wurde 1910 Inhaber des einzigen Lehrstuhls für Byzantinistik in Deutschland. Von 1916-1920 war er Vorsitzender der DGG, ab 1921 war der der Erste Vorsitzende der Ortsgruppe München.

 

Über die Gründung der ersten Ortsgruppe der Deutsch-Griechischen Gesellschaft berichtete im Januar 1919 auch Dr. Paul Marc in einem Brief an Generalkonsul F. Adelssen, in Berlin:

„Die Gründung der Ortsgruppe Hamburg ist in der Weise erfolgt, dass im Frühjahr 1918 im Gefolge unserer König Konstantin-Propaganda einige Hamburger Persönlichkeiten, vor allem wirtschaftliche Interessenten an uns mit dem Vorschlag herangetreten sind, in Hamburg eine eigene Ortsgruppe der Gesellschaft zu einrichten. Im Einverständnis mit dem Münchner Vorstand haben diese Persönlichkeiten mit unseren bisherigen Mitgliedern Fühlung genommen und haben zunächst eine lebhafte Mitgliederwerbung veranstaltet; als die Zahl der Mitglieder in Hamburg auf etwa 50 angewachsen war, wurde am 4.7. in einer Versammlung der Hamburger Mitglieder die Ortsgruppe konstituiert und ein Vorstand gewählt“.

München, 29. Januar 1919.

Am 4. Juli 1918 fand die Gründungsversammlung in Hamburg statt, im September die konstituierende Mitgliederversammlung und am 29. November 1918 die Eintragung ins Hamburger Vereinsregister unter der Nr. 834.

An der konstituierenden Mitgliederversammlung nahmen 25 Griechen und Deutsche teil. Die Versammlung verabschiedete die erste Satzung der DGG und bestätigte den bislang provisorischen Vorstand bestehend aus Prof. Dr. Erich Ziebarth, Dr. Elias Pantasopoulos – sowie in dessen Vertretung Frau Helene Fera – und Dr. Edgar Cohen.

 

Eintragung ins Hamburger Vereinsregister
Die Eintragung ins Hamburger Vereinsregister (24. November 1918)

Im August 1918 wirbt die Hamburger Gesellschaft mit einem von Prof. Erich Ziebarth unterzeichneten Aufruf um Mitglieder. Zu den Zielen gehören die Veranstaltung von Vorträgen namhafter Kenner des Griechentums und die Erleichterung der Anknüpfung von wirtschaftlichen Verbindungen.

 

 

 

Deutsch-Griechische-Gesellschaft
Ortsgruppe Hamburg
Geschäftsstelle  Mönckebergstraße 7

 

Euer Hochwohlgeboren

 

beehrt sich die Deutsch-Griechische Gesellschaft, Ortsgruppe Hamburg, zum Beitritt einzuladen. Diese Gesellschaft wurde wenige Monate vor Ausbruch des Weltkrieges in München unter dem Protektorat der Königin Sophie von Griechenland gegründet.

 

Aufruf 1918
Schreiben von 1918 zur Werbung neuer Mitglieder

Zweck der Vereinigung ist, die Beziehungen zwischen dem deutschen und griechischen Volk zu erweitern und zu vertiefen, sowohl in kultureller, als auch praktisch wirtschaftlicher Beziehung. Zu diesem Zweck hat der Vorstand zwei Ausschüsse gebildet die in Zusammenarbeit mit in Hamburg und auswärts angesiedelten Griechen das gesteckte Ziel zu erreichen suchen.

 

Wir verhehlen uns nicht, daß eine Werbung gerade in der jetzigen Zeit ein Wort der Erklärung bedarf, um so mehr, als es nicht unsere Absicht ist, lediglich den vielen Auslandsvereinen in Deutschland nur noch einen neuen hinzuzufügen.

 

Wenn wir uns entschlossen haben, durch Gründung einer besonderen Hamburger Ortsgruppe der Münchner Stammgesellschaft die Werbemöglichkeit in Norddeutschland zu fördern, so leiteten uns folgende Erwägungen, die politischer Art sind, wenn sich auch sonst die Tätigkeit der Gesellschaft auf dem politischen Gebiet nicht bewegen soll.

 

Die Politik des Deutschen Reiches hat seit dem Regierungsantritt unseres Kaisers dem europäischen Südosten mehr Beachtung geschenkt als ehedem. Ein großer Teil des deutschen Volkes zeigte allerdings für diese neue Richtung wenig Interesse. Die geschichtliche Entwicklung in den letzten drei Jahrzehnten hat aber bewiesen, daß die Auslieferung der Balkanhalbinsel an Rußland, die moskowitischer Imperialismus und Panslavismus erstrebten, den Zusammenbruch Österreich-Ungarns, mit dem wir eine gemeinsame Brandmauer haben, bedeutet hätte. Was bis vor dem Kriege vielen von uns bestenfalls vielleicht als interessantes politisches Problem erschienen sein mag, ist durch den Verlauf des Weltkrieges und die östlichen Friedensschlüsse eine unabwendbare Notwendigkeit geworden: Deutschland ist mit den Geschehnissen im Südosten auf lange Zeit hinaus politisch und wirtschaftlich aufs Engste verknüpft, und aus dieser Tatsache erwächst die unabwendbare Aufgabe, engere Beziehung mit den im Südosten wohnenden Nationen zu suchen.

 

Von den Gestaden des Schwarzen Meeres bis zu den Mündungen des Nils finden wir aber kein Volk, dem eine kulturelle oder wirtschaftliche Bedeutung zukommt, so verbreitet und einflußreich als die Nation der Griechen. Unsere Gesellschaft will Gelegenheit geben, die Liebe und Verehrung zum klassischen Altertum zu pflegen, will aber besonders auch aufklärend in die Richtung wirken, was das heutige Griechenland ist und für Deutschland werden kann.

 

Dieses Ziel sucht sie zu erreichen:

 

1. Durch Veranstaltung von Vorträgen namhafter Kenner des Griechentums
2. Durch Einrichtung einer Geschäftsstelle, die den Mitgliedern über wirtschaftliche Fragen Auskunft erteilt und die Anknüpfung von Verbindungen zu erleichtern bestrebt ist.

 

Es wird uns freuen, wenn unsere Bestrebungen Ihren Beifall finden würden und Sie Ihr Interesse durch Beitritt zu unserer Gesellschaft bekunden wollten.

 

HAMBURG. August 1918.

Zwischen 1921 und 1937 wird Rechtsanwalt David Wolfhagen, ein Neffe von Frau Helene Fera, Erster Vorsitzender der Gesellschaft. Prof. Ziebarth wird von 1921 bis 1940 Vorsitzender der Gesamtgesellschaft. Nach 1920 bilden sich in vielen Städten Ortsgruppen, z.B. Berlin, Dresden, Frankfurt a.M., Göttingen, Karlsruhe und Leipzig.

Hellenen und Philhellenen in Hamburg

In den zwanziger Jahren existiert in Hamburg die größte griechische Kolonie Deutschlands mit namhaften Kaufleuten (Kyriazis, Sossidis, Kaloudis, Pantazopoulos, Damassiotis, Pisanis, Malamos, Gazallis u.a.). Im Jahre 1923 gehörten 20 der 65 griechischen Firmeninhabern der DGG zu.

Die zwanziger Jahre gelten als die Blütezeit der Hamburger Griechen. Neben den alten Firmen, die orientalische Rohtabake importierten, kommen neue hinzu. Bankhäuser, Speditionen, Assekuranz-Makler Büros entstehen, Zigarettenfabriken werden gegründet.

1925 umfasste die Gesellschaft 500 Mitglieder. Tagungsort der Deutsch-Griechischen Gesellschaft wurde das erste 1923 in Hamburg eröffnete griechische Restaurant, das berühmte „Levante-Bodega“ in der Adolphsbrücke 7, nahe der Börse.

Ein Jahr nach Gründung der Hamburger Universität 1919 kamen die ersten griechischen Studenten nach Hamburg. 1922 zählte man zehn griechische Studenten, 1923 fand in Dresden der erste Kongress der griechischen Studentenvereine in Deutschland statt, der eine Zusammenarbeit aller Vereine anstrebte und koordinierte.

In diesem Zeitraum kümmerte sich die Gesellschaft um die in Hamburg studierenden Griechen, später auch um den Aufbau einer neugriechischen Abteilung an der Universität Hamburg.

 

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70 Jahre Deutsch-Griechische Gesellschaft Hamburg

Die Informationen zur Geschichte der DGG-HH  stützen sich zum großen Teil auf folgende zwei Schriften:

1) Die Broschüre „70 Jahre Deutsch-Griechische Gesellschaft Hamburg e.V., herausgegeben vom Vorstand der DGG-HH aus Anlass des 70-jährigen Jubiläums 1988 und

2) die vom Ausländerbeauftragten der Freien und Hansestadt Hamburg 1995 herausgebrachte Schrift „Hellenen und Philhellenen in Hamburg“ (Autor Jakovos Papadopoulos).