Hellenen und Philhellenen – Dr. Virginia Green

Von Didymoticho nach Dortmund

Nach dem Abitur in Didymoticho (Διδυμότειχο), einer Kleinstadt im Nordosten Griechenlands unweit der griechisch-türkischen Grenze, verließ Virginia Giovanoudi ihre Heimat um in Deutschland Chemieingenieurtechnik zu studieren. Physik, Chemie und Mathematik waren ja ihre Lieblingsfächer im Gymnasium. Außerdem, Chemieingenieurtechnik bot ihrer Meinung nach gute Berufschancen, zumal die Chemieindustrie zu jener Zeit als eine Zukunftsbranche galt.

1979 schloss sie das Studium ab und schaffte es mit einem starken Willen und harter Arbeit, eine Karriere aufzubauen, eine Familie zu gründen, zu promovieren und ein erfolgreiches Unternehmen mit zuletzt über 130 Mitarbeitern aufzubauen.

Erste Frau als Diplom-Ingenieurin bei der ESSO-Raffinerie

Nach ihrer Ankunft besuchte sie in Dortmund die Sprachkurse des Goethe-Instituts und finanzierte ihren Lebensunterhalt durch verschiedene Nebenjobs. 1974 begann sie schließlich mit dem Studium der Chemietechnik an der dortigen Universität. Dort lernte sie ihren ersten Mann, Wolfgang Green, kennen und übernahm nach der Heirat seinen Nachnamen. Nach dem Studium und der Geburt ihres Sohnes Nikos zog die Familie Green nach Hamburg. Hier begann die frischgebackene Diplom-Ingenieurin bei der ESSO-Raffinerie in Hamburg-Harburg als Planungsingenieurin ihre berufliche Laufbahn. Sie war die erste Frau als Ingenieurin in diesem Betrieb. Ein Novum zu dieser Zeit in dem männlich dominierten Raffinerien-Sektor.

Im Jahr 1987 wechselte sie zur TUHH (Technische Universität Hamburg-Harburg) und begann als wissenschaftliche Mitarbeiterin ihre Promotion, die sie im Jahr 1991 als Dr.-Ing. abschloss. Thema: „Entspannung von CO2 aus Druckbehältern unter besonderer Berücksichtigung der instationären Wärmeübertragung“ (herausgegeben im VDI-Verlag, Reihe: Verfahrenstechnik, Nr. 234).

Photo: privat

Green Engineering GmbH – ein Start-Up-Unternehmen

Nach der Promotion und bereits als zweifache Mutter gründete sie die „Green Engineering GmbH“, ein Start-Up-Unternehmen im Bereich Engineering für die Chemie- und Raffinerietechnik mit besonderen Leistungen für die Prozess-Simulation.
Anfangs führte sie alle Funktionen des Unternehmens in Personalunion aus: Geschäftsführung, Akquise und Projektbearbeitung. Für die Finanzierung der benötigten Soft- und Hardware nahm sie einen Kredit auf und nutzte das Verwaltungsangebot eines Technologieparks in Hamburg. „Der Start war nicht einfach und es bedurfte vieler Entbehrungen und Risiken in den ersten Jahren. Nach der mühseligen Aufbauzeit stiegen die Aufträge und es wurden die ersten Mitarbeiter eingestellt. Bis zum Jahr 2000 zählte das Unternehmen 12 Mitarbeitende “, erinnert sich Dr. Virginia Green heute an diese Zeit.

Die Encos-Zentrale an der Buxtehuder Strasse (Photo: privat)

Die ENCOS GmbH wächst rasant – Projekte in vielen Ländern

Im Jahr 2000 gründete sie mit zwei Partnern das Unternehmen ENCOS GmbH mit ergänzendem Portfolio zu Green Engineering GmbH. Das Unternehmen war spezialisiert auf die Planung und den Bau von Fabriken und Anlagen für die chemische Industrie. Neben der Zentrale in Hamburg wurde ein weiterer Standort in Thessaloniki gegründet. Das Unternehmen wuchs rasant und übernahm Projekte in vielen Ländern der Welt. Im Jahr 2011 hatte ENCOS 60 Mitarbeiter, 95% davon Akademiker. „Eine Herzensangelegenheit von mir war stets die aktive Förderung von Mitarbeitenden mit Migrationshintergrund und die Frauenförderung gewesen“, erzählt Dr. Virginia Green.

Auch nach dem Verkauf der ENCOS GmbH an den TÜV NORD Konzern im Jahr 2011 blieb sie als Geschäftsführerin an der Spitze des Unternehmens und führte es mit stetig wachsenden Mitarbeiterzahlen (2019 waren es ca. 130) erfolgreich weiter.

Bereits 2014 wählte sie der TÜV NORD zur Managerin des Jahres. Ende 2019 beendete sie ihre Geschäftsführertätigkeit und ist seitdem als Beraterin in der Digitalisierung von technischen Planungsprozessen auf der ganzen Welt tätig.

„Im Berufsleben zählt die Qualität der Arbeit“

Gefragt nach ihren Erfahrungen als Frau in einem männerdominierten Beruf, antwortet sie: „Im Berufsleben und im Unternehmertum zählt die Qualität der Arbeit, das richtige Marketing und eine nachhaltige Personalführung und wirtschaftliche Sicherstellung; selbstverständlich muss man sich vernetzen und auf dem Markt aktiv sein. Das habe ich in meinem langen Berufsleben in Deutschland gelernt.“

Dr. Green, Plenarmitglied der Hamburger Handelskammer (Photo: privat)

In all den Jahren engagierte sich Dr. Virginia Green in vielen Ehrenämtern, darunter beim Verband Deutscher Ingenieure VDI, als gewähltes Plenarmitglied der Handelskammer Hamburg für mehrere Amtsperioden, sowie als Mitglied des Industrieausschusses des DIHK. Darüber hinaus hat sie als Vorsitzende den Innovationsausschuss der Handelskammer Hamburg viele Jahre geprägt.

„Nicht die einfache Lösung des Auswanderns wählen“

Ihre griechische Herkunft spielt selbstverständlich für sie eine wichtige Rolle, und das Interesse für die Entwicklung in ihrer griechischen Heimat ist stets lebendig geblieben. Sie hatte über den Standort des Unternehmens in Thessaloniki einigen jungen griechischen Ingenieuren eine berufliche Perspektive geboten, auch in der Hoffnung, dass diese später in Griechenland die erworbenen Berufserfahrungen weiter führen könnten. In Interviews und Beiträgen in der Fachpresse hat sie den jungen Ingenieuren in Griechenland empfohlen, „trotz der Wirtschafts- und Finanzkrise nicht die einfache Lösung des Auswanderns zu wählen, sondern im Land zu bleiben, die Gründung innovativer Unternehmen zu wagen und Innovationen auf vielen wissenschaftlichen Gebieten voranzutreiben“.

Die griechische Herkunft im Vordergrund

Auch innerhalb der Familie wird die griechische Herkunft stets betont: Ihre beiden Kinder Nikos und Christina, heute 40 bzw. 37 Jahre alt, besuchten neben der normalen deutschen Schule den griechischen Sprachunterricht in Harburg und sprechen fließend griechisch. Nikos, der ein PhD für Kognitive Wissenschaften der Freien Universität Berlin hat, arbeitet heute als Senior Venture Architect in Berlin. Dort lebt auch ihre Tochter Christina, die in Cambridge Anthropologie studiert hat und Kunstkuratorin in Berlin ist.

Dr. Green ist in zweiter Ehe mit dem griechischen Ex-Diplomaten Stavros Stathoulopoulos verheiratet und wohnt in der Hamburger HafenCity (Photo: privat)

pp/09/2020


Unsere bisherigen Porträts in der Reihe Hellenen & Philhellenen:

Rainer Scheppelmann
Dr. Virginia Green
Prof. Dr. Günther S. Henrich
Marily Stroux
Alkiviadis Thomas