Hellenen und Philhellenen – Marily Stroux

Marily Stroux
Marily Stroux © Miguel Ferraz

Aus einem großbürgerlichen Athener Haus

Die Fotografin Marily Stroux (geb. Zacharaki) stammt aus einem großbürgerlichen, kosmopolitischen Athener Haus. Ihre Mutter Aliki wurde in Konstantinopel (dem heutigen Istanbul) geboren und musste mit ihrer Familie vor den Verfolgungen der griechischen Minderheit in der Türkei nach Griechenland fliehen. Ihr Vater Jannis I. Zacharakis war im 2. Weltkrieg Offizier in U-Booten der griechischen Marine, nahm am Widerstand gegen die deutsche Besatzung teil und wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Seine Mutter hatte nach dem Tod seines Vaters im Ersten Weltkrieg den Politiker und Literaten Spyros Trikoupis geheiratet, der aus der angesehenen Politikerfamilie Trikoupis in Messolonghi stammte, zu der u.a. der frühere Ministerpräsident Spyridon Trikoupis gehörte. Spyros Trikoupis, der Stiefvater, starb 1945, Opfer der damaligen blutigen Auseinandersetzungen zwischen Rechten und Linken. Sein Sohn, der Stiefbruder von Marilys Vater, Konstantinos Trikoupis, wurde später Abgeordneter der konservativen Partei und Minister in Athen.

Zu den Mitgliedern der Großfamilie gehörte auch der Held der griechischen Revolution gegen die Türken (1821-1828), der Admiral Konstantinos Kanaris. Er war der Urgroßvater von Marilys Vater.

Bis zu ihrem 18. Lebensjahr lebte Marily mit ihren Eltern „wohl behütet“, wie sie sagt, im noblen Athener Vorort Psychiko. Sie wuchs auf mit vielen Freundinnen, mit Ballett, Französisch- Privatunterricht, Pfadfindern und Bogenschießen – wie damals alle Kinder aus guter Familie in Athen –, und besuchte die Elite-Mädchenschule Arsakeion („eine gute Schülerin war ich nie“).

Marily Stroux mit Vater
Als junge Pfadfinderin mit ihrem Vater am Parlament in Athen, Foto © privat

Die junge Pressefotografin Marily Stroux, Foto © privat

Vater Pressechef des Ministerpräsidenten

Ihr Vater war von Beruf Journalist und seit 1954 Pressechef und einer der engsten Mitarbeiter des damaligen Ministerpräsidenten (und späteren Staatspräsidenten) Konstantinos Karamanlis. Als Karamanlis 1963, nach einer Wahlniederlage, ins freiwillige Exil nach Paris ging, sollte auch die Familie mit. Da aber für Marily keine Schule in Paris gefunden werden konnte, blieb die Familie bis zu Marilys Abitur in Athen und verließ Griechenland nach der Machtergreifung durch die Militärs (1967) und der Flucht König Konstantins („Mein Vater gehörte zu den Anhängern der Monarchie, er war gleichzeitig entschiedener Gegner der Militärdiktatur“). Die Familie ließ sich in der Schweiz nieder. Der Vater arbeitete in Zürich als Korrespondent der griechischen Presseagentur und blieb dort bis zu seinem Tod im Jahre 1988.

mit Karamanlis
Marily (links) und ihre Mutter Aliki mit Konstantinos Karamanlis und seiner Frau Amalia in Paris („in der Zeit der Militärdiktatur in Griechenland verbrachten wir oft die Weihnachts- und Osterfeiertage bei Karamanlis in Paris“) Foto © privat

Im Züricher Exil

Marily malte schon als Kind und wollte Kunst studieren, zwei Versuche in die Ecole des Beaux Arts de Lausanne aufgenommen zu werden, scheiterten jedoch an der damaligen Bestimmung, nur einen ausländischen Studenten pro Jahr aufnehmen zu dürfen. „Das bittere Gefühl“, sagt sie heute, „nicht gut genug für die Kunsthochschule zu sein, verschwand erst Jahre später, als ich von der Hochschule der bildenden Künste in Hamburg, HFBK, als einzige nicht studierende Kandidatin einen Preis und ein Stipendium für meine Fotos erhielt. Die einzigen Diplome, die ich bis heute nun besitze, sind das Diplom einer schweizerischen Mannequinschule – und mein Führerschein.“

Marilys Vater hat als Journalist viel fotografiert und seiner Tochter die Liebe zur Fotografie vermittelt. „Er besaß mehrere Fotoapparate, die ich benutzen durfte, und er hatte auch eine Dunkelkammer zu Hause. Er vermittelte mir früh die Liebe zur Fotografie. Ich hatte auch einen Onkel, Dimos Patridis, der ein angesehener Fotograf in Athen war. In seinem Atelier habe ich die Fotoretusche mit dem Bleistift auf Schwarzweiß-Bildern schätzen gelernt“.

In Zürich arbeitete sie als Stewardess bei der griechischen Fluggesellschaft Olympic Airways, die damals dem Großreeder Aristoteles Onassis gehörte. Nebenbei jobbte sie bei ihrem Vater in der griechischen Presseagentur und fotografierte viel.

Marily als Olympic Airways Stewardess in Zürich (das Bild wurde später in Hamburg für eine Aktion gegen Zwangsrückführung von Flüchtlingen verwendet) Foto © privat

Die Politisierung in Deutschland

Zum ersten Mal nach Deutschland kam sie 1978 wegen ihres inzwischen geschiedenen Mannes Stephan Stroux. Er war Theater-Regisseur und ‑direktor, und so fing sie an, Theaterfotos zu machen. In diesem Jahr kam auch ihre Tochter Salinia zur Welt.

„Es war die Zeit der Pershing II-Raketen und von Tschernobyl. Ich war bis dahin ein eher unpolitischer Mensch, fing aber an mir Gedanken darüber zu machen, in was für einer Welt mein Kind aufwächst. Ich wurde in der Anti-Atomkraft-Bewegung aktiv, und da ich kaum Deutsch sprach, nutzte ich die Fotografie, um mich auszudrücken“, erinnert sie sich heute.

In den ersten Jahren begleitete sie fotografisch viele Aktionen von Initiativen wie Robin Wood und fing an, bei Panfoto mit dem Pressefotografen Günter Zint auf St. Pauli zusammenzuarbeiten.

„Von Günter Zint habe ich gelernt, meine Arbeit mit einem politischen Blick zu umhüllen und die eigene Perspektive sichtbar zu machen. Die sozialen Themen standen seitdem im Mittelpunkt meiner Arbeit. Ich wollte mit meinen Fotos Unsichtbares sichtbar machen und konzentrierte mich auf diese Art der Fotografie, auch wenn meine Mutter sich so sehr wünschte, dass ich lieber Blumen und Kinder fotografieren sollte.“

Die Räumung der Häuser in der Hafenstrasse 1988 – Foto © Marily Stroux

Die nächsten Jahre dokumentierte Marily mit ihrer Kamera viele soziale Projekte in Hamburg, auch solche, die im Mittelpunkt von politischen Auseinandersetzungen standen, wie die Besetzung der Hafenstraße und deren Räumung 1988 oder die Spannungen um die Rote Flora. Inzwischen war sie als feste Freie für die Taz-Hamburg tätig und hatte jahrelang aktuellen Fotojournalismus gemacht. Ihre fotografische Tätigkeit in vielen Hamburger sozialen Brennpunkten brachte sie oft in den Fokus staatlicher Stellen.

Marily heute: „Als mir 2007 die Akkreditierung zum G8-Gipfel entzogen wurde, ging ich vor Gericht und gewann. Im Mai 2020 ordnete das Hamburger Verwaltungsgericht die Löschung aller Überwachungsberichte über meine journalistische Arbeit an.“

Ausstellung
1997 war ihre Fotoausstellung „Griechen in Hamburg“ im Goethe-Institut in Athen zu sehen. Ein Jahr früher nahm die Ausstellung an den „Tagen Griechischer Kultur“ in Hamburg teil.

Einsatz für die Flüchtlinge

Seit Ausbruch der großen Flüchtlingswelle in Europa konzentrierte sie ihre Arbeit vornehmlich auf Projekte mit Familien auf der Flucht, oder Familien mit Migrationsgeschichte. Die Liste ist nahezu unendlich. Hier einige Beispiele (bitte anklicken):

Bereits als die ersten Schiffe als Erstaufnahme für Flüchtlinge in Övelgönne ankamen, arbeitete sie mit verschiedenen Organisationen zusammen und veranstaltete jahrelang Workshops für Flüchtlingskinder. Sie brachte den Kindern das Fotografieren bei. „Ich wollte mein fotografisches Wissen weitergeben, damit sie selbst ihre Geschichten erzählen und ihre Erinnerungen selbst bestimmen können.“

Sie drehte mehrere Videofilme, organisierte Ausstellungen und brachte Broschüren mit Texten und Erlebnissen von Flüchtlingen heraus.

Parwana Amiri aus Afghanistan erzählt in diesem Büchlein die Geschichte vom „Olivenbaum und der alten Frau“, geschrieben im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos. Die Illustration stammt von Marily Stroux

Seit die große Flüchtlingswelle von der Türkei auf die griechischen Ägäis-Inseln ausbrach, pendelt sie zwischen Hamburg und Lesbos, wo sie an mehreren Projekten arbeitet.

Den Ertrunkenen einen Namen geben

Mit der Gruppe Welcome to Europe arbeitet sie an dem Projekt, Flüchtlingen, die bei der Überquerung der Ägäis ihr Leben verloren haben, ihren Namen und ihre persönliche Geschichte zurückzugeben. Man stellt u.a. Erinnerungstafeln an den Stränden auf, wo die Wellen die leblosen Körper von Frauen und Kindern angespült haben, um das Leben der ertrunkenen Flüchtlinge zu dokumentieren. Ihre so entstandenen Fotos erschienen zum Beispiel in der Schrift „Lost at Border – 10 Years Memorials“, mit Berichten und Dokumenten über jene, die es nicht geschafft haben, und über die Bemühungen von Menschen auf den Ägäis-Inseln und am nordgriechischen Evros, ihre Schicksale nicht zu vergessen:

„Damit man den 14-jährigen Kadri Tarkmani nicht vergisst, der zu seinem Vater nach Athen wollte, und den jungen kurdischen Violinen-Spieler Baris, der auf dem Weg war in Belgien Musik zu studieren. Sein lebloser Körper wurde 2018 an einen Ägäis-Strand gespült – seine Violine umklammernd.“

Gedenktafel für die ertrunkenen Flüchtlinge an der Küste von Lesbos – Foto © Marily Stroux

Vor zehn Jahren hat sie mit Freunden einen VW-Bus als Infomobil umgebaut. Mit ihm fahren sie dorthin, wo Flüchtlinge ankommen, beraten sie und bieten jede mögliche Hilfe an.

Die soziale Sensibilität der Mutter hat sich auf die Tochter übertragen. Ihre Tochter Salinia Stroux, Diplom-Ethnologin, arbeitet in Athen als Wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl.

pp/OKT2020


Unsere bisherigen Porträts in der Reihe Hellenen & Philhellenen:

Rainer Scheppelmann
Dr. Virginia Green
Prof. Dr. Günther S. Henrich
Marily Stroux
Alkiviadis Thomas