Hellenen und Philhellenen – Dr. Gerhard Folkerts

Ein Leben voll Musik

Ein Leben voll Musik ist das Leben des Konzertpianisten, Komponisten und Musikpädagogen Gerhard Folkerts. Bereits in der Grundschule gab er sein erstes Konzert mit Werken von Mozart und Beethoven. Die Musik, die Philosophie und die Literatur führten ihn später nach Griechenland und zur Bekanntschaft mit der Musik von Mikis Theodorakis, dessen „musikalische Poetik“ seitdem einen großen Teil seines musikalischen Schaffens prägt.

Gerhard Folkerts (Foto © Manfred Schulze-Alex)

Die Beschäftigung mit der Persönlichkeit und dem Werk dieses großen griechischen Komponisten machte ihn nicht nur mit dem ihm wenig bekannten symphonischen Oeuvre Theodorakis bekannt, sondern öffnete ihm auch „einen einzigartigen Blick auf die Geschichte und die Kultur Griechenlands“.

Gerhard Folkerts reiste 1975 zum ersten Mal nach Griechenland. Er verbrachte drei Wochen auf der Peloponnes in Monemvasia. Hier hörte er erstmals den Namen des großen griechischen Dichters Jannis Ritsos, auf den Treppen seines Hauses, von wo aus sich ein weiter Blick über das Meer öffnet.

„Meine Liebe zu Griechenland entstand in drei Phasen“ sagt er heute. „Bereits in meiner Kindheit und Jugend faszinieren mich die griechische Mythologie und Homers Ilias und Odyssee. Während meines Musikstudiums begeisterte mich die griechische Philosophie und später dann die Dichtung des Aischylos, Sophokles, Euripides, Aristophanes und die Literatur des 20. Jahrhunderts, vor allem die Lyrik der griechischen Literatur-Nobelpreisträger Giorgos Seferis (1963) und Odysseas Elytis (1979), die Poesie des Alexandriners Konstantinos Kavafis, von Jannis Ritsos und von Mikis Theodorakis“.

Die Bekanntschaft mit dem Werk von Theodorakis
Mikis Theodorakis (Foto © VMG)

Die Partituren der Klavier- und Kammermusikwerke von Theodorakis entdeckte er zufällig in den 90er-Jahren in einem Musikalienladen in Athen. „Diese Kom­position­s­werke haben mir die hohe Qualität des symphonischen Werkes von Theodorakis offenbart und führten mich auf eine musikalische Entdeckungsreise zu einem mir noch unbekannten Mikis Theodorakis. In der Zeit danach wurde sein symphonisches Werk zum Bestandteil meiner Konzertprogramme“.

In der Grundschule das erste Konzert

Gerhard Folkerts stammt aus einer jahrhundertealten ostfriesischen Familie. Er wuchs in Emden auf. Geboren war er jedoch 1944 in Meiningen, wo die Familie, nach dem Zerbomben ihres Hauses Zuflucht gefunden hatte. Anfang 1947 fuhren die Eltern mit zwei noch lebenden Großeltern, dem Sohn Gerhard und seiner sieben Jahre alten Schwester in einem offenen Güterwagen unter einer großen Plane versteckt, „schwarz“ zurück nach Emden. Dort lebten sie zu sechst auf etwa 30 Quadratmetern, bis 1949 ein Teil des vernichteten Grundstücks wieder bebaut wurde und die Familie dort einzog.

In Emden begann, sehr früh, auch seine musikalische Ausbildung: „Mit fünf Jahren erhielt ich von dem aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Kirchen­musik­direktor der lutherischen Kirche in Emden Klavierunterricht. Bei ihm lernte ich, Choräle nach dem Gehör auf dem Klavier zu begleiten und spielte Musik von Bach, Beethoven und Mozart. Beethovens Kompositionen hatten die stärkste Wirkung auf mich. Sie ergriffen mich elementar“.

1956, Hausmusik – Der zwölfjährige Gerhard am Klavier zusammen mit seiner Schwester Frauke (Foto © privat)

Bereits kurz vor dem Schulwechsel auf das Gymnasium gab Gerhard Folkerts dann ein einstündiges Konzert mit Kompositionen von Beethoven und Mozart vor den Schülern der Volksschule. Folkerts musikalische Neugier reichte bald über die klassisch-romantischen Kompositionen hinaus. So war es konsequent, dass er bis zum Abitur im 100 Kilometer entfernten Oldenburg beim dortigen General­musik­direktor des Opernhauses Unterricht erhielt.

„Unvergessen ist für mich die Aufführung von Beethovens IX. Symphonie in Delmenhorst mit den Hamburger Symphonikern und mit 200 Sängern, das heißt Chören aus Delmenhorst und Bremerhaven, mit denen ich, der Schüler Gerhard Folkerts, am Klavier die Einstudierung begleitete. In Oldenburg und Delmenhorst begleitete ich bis zum Ende meiner Schulzeit Solosängerinnen aus dem Ensemble des Opernhauses in Lieder- und Arien-Abenden.“

Als Schüler begleitete Folkerts nicht nur Sängerinnen, er gab auch Solo-Klavier­abende mit Werken von Bartok, Beethoven, Chopin, Khachaturian, Mozart, Schumann und anderen Komponisten. Doch dem bürgerlichen Sicherheitsdenken der Eltern folgend und aus Dankbarkeit studierte er an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg zunächst Musik für den Unterricht an Gymnasien. Nach dem Staatsexamen unterrichtete er zweieinhalb Jahre am Rist-Gymnasium in Wedel am Stadtrand Hamburgs. Hierdurch schuf er sich die finanzielle Grundlage für das Germanistik-Studium an der Universität Hamburg.

Zuvor hatte Folkerts sich durch seine Examensarbeit über die Schönberg-Schüler Berg, Eisler und Webern eine völlig neue Sicht- und Hörweise, ein neues Bewusstsein für die Konzeptionen seiner Musikprogramme, ja seiner musikalischen Zukunft eröffnet. Folkerts wurde klar, dass die Biografie und Kompositionsmethode eines Komponisten von seinem geschichtlichen Umfeld nicht zu trennen sind. Die Dramaturgie eines Konzertprogramms hatte sich danach auszurichten. Die Kompositionen Hanns Eislers schufen ihm den Zugang zu Werken von Kurt Weill und Paul Dessau. Folkerts besuchte Tochter und Schwiegersohn von Bertolt Brecht, Barbara Brecht und Eckart Schall, kontaktierte und begegnete Schrift­stellern wie Volker Braun, Erich Fried, Peter Härtling, Peter Maiwald, Heinz Kahlau und anderen und bat um die Einwilligung, ihre Texte vertonen zu dürfen. 1972 begann Gerhard Folkerts zu komponieren.

Neben seiner Konzerttätigkeit unterrichtete Gerhard Folkerts von 1973 an 36 Jahre an der kommunalen Musikschule in Wedel, mit dem Schwerpunkt der Vor­bereitung für die Aufnahmeprüfung und das Studium an einer Musik­hoch­schule in den Fächern Klavier, Musiktheorie, Musikgeschichte und Gehörbildung. „Beides wurde bis heute zu einer Leidenschaft: der Dialog mit dem Publikum vom Konzertpodium aus und die Kommunikation mit jungen Menschen“.

Goethe-Institut Athen 2004: Gerhard Folkerts gibt ein Konzert mit Klavierwerken von Mikis Theodorakis. Der Komponist selbst gehört zu den ersten Gratulanten (Foto © Petra Folkerts)
Die Begegnung mit der deutsch-griechischen Vergangenheit

2004 wurde Gerhard Folkerts direkt mit einem der schwersten Kapitel deutsch-griechischer Beziehungen konfrontiert: dem Massaker der deutschen Wehrmacht in der kleinen Stadt Kalavryta auf dem Peloponnes 1943. In jenem Jahr hatte er auf Einladung des Goethe-Instituts in Athen ein Konzert mit Klavierwerken von Mikis Theodorakis gegeben, in Anwesenheit des Komponisten. Zu den Besuchern dieses Konzertes gehörte auch eine Gruppe von etwa zwanzig älteren Herren, die als Jugendliche in den fünfziger Jahren auf Initiative der Stuttgarterin Ehrengard Schramm eine Ausbildung in Westdeutschland erhalten hatten. Sie stammten alle aus Kalavryta, aus den Familien der Opfer. Von ihnen hörte Folkerts erstmals den Namen Kalavryta und erfuhr von dem Massaker am 13. Dezember 1943, bei dem 677 Menschen, fast alle männlichen Bewohner des Ortes ab dem 13. Lebensjahr, von Angehörigen der 117. Gebirgsjägerdivision hingerichtet und die Stadt in Brand gesteckt wurde.

Kalavryta nach dem Massaker 1943 (Foto auf dem Plakat zum 75. Gedenktag 2018)
(Foto © Stadtverwaltung Kalavryta)
Das Kalavryta-Oratorium

Am Tag nach seinem Konzert traf sich das Ehepaar Folkerts mit dem Sprecher dieser Kalavryta-Gruppe, der Ihnen erzählte, dass kein deutscher Bundespräsident bisher bei einem Besuch in Griechenland sich für die Schreckenstaten entschuldigt hatte. Spontan sagte Folkerts darauf: „Wenn dies bisher kein Politiker tat, mache ich es mit meinen Mitteln, mit den Mitteln der Musik. Ich werde ein Kalavryta-Oratorium komponieren“. Im selben Jahr begann er mit der Komposition.

2006 komponiert Gerhard Folkerts das „Kalavryta-Oratorium“ und widmet es der Jugend von Kalavryta. 2008 wurden in Kalavryta und Athen aus diesem Oratorium die Teile für Mezzosopran, Klavier und Sprecherin und 2019 in Berlin und Köln Chorsätze aus dem Oratorium nach Texten von Pablo Neruda, Mikis Theodorakis und Argyris Sfunturis (der als Kind das Massaker in Distomo überlebt hat) durch den Chor der Stadt Athen und den Chor der Deutschen Welle aufgeführt.

Das Kalavryta-Oratorium wird in der Märtyrerstadt aufgeführt – Hier mit dem Bürgermeister der Stadt, Julia Schillinski, Mezzosopran, Gerhard Folkerts, Klavier und Dafne Markaki, Rezitation (Foto © Petra Folkerts)
Die musikalische Poetik von Theodorakis

2014 wird Folkerts in Hamburg promoviert. Seine Dissertation „Die musikalische Poetik von Mikis Theodorakis“, eine Darstellung von Persönlichkeit und Werk im historischen Kontext, wird 2015 im von Bockel Verlag veröffentlicht. In den folgenden Jahren wird Folkerts von Universitäten in Österreich und Deutschland eingeladen und spricht dort über das vielschichtige Leben des griechischen Komponisten und trägt dessen Klavierkompositionen vor.

Eine Reihe von Konzerten folgen unter anderem in Athen, Chania, Nikosia, Limassol, Hamburg, Berlin, Köln, Darmstadt, Rom. So eröffnet er, als einziger Nicht-Grieche 2010, vor 5000 Zuschauern und neben 30 solistisch auftretenden Sängerinnen und Sängern, das Geburtstagskonzert zu Ehren von Mikis Theodorakis mit einem zwölf­minütigen Klaviersolo im Lykabettus-Theater in Athen1. Im selben Jahr hat im Hamburger Schauspielhaus das von Folkerts konzipierte Programm „Mikis Theodorakis – ein Leben für die Freiheit“ Premiere mit Julia Schilinski, Gesang, Gerhard Folkerts, Klavier und Rolf Becker, Rezitation.

Deutsches Schauspielhaus Hamburg April 2012 – Theodorakis Hommage II
Gerhard Folkerts, Klavier, Julia Schilinski, Mezzosopran und Rolf Becker, Rezitation

(Foto © Petra Folkerts)

2016 begleitet Folkerts die Sängerin Maria Farantouri in Darmstadt in einem Konzert mit Liedern von Mikis Theodorakis. 2017 gibt Folkerts einen Klavierabend in der Päpstlichen Akademie in Rom mit Kompositionen von Bartok, Beethoven und Theodorakis.

Mikis Theodorakis und Maria Farantouri (Foto © VMG)

Eine Liste der Konzerte von Gerhard Folkerts, auch der Benefizkonzerte zu Gunsten der sozialen Medizinstation in Hellenikon bei Athen, findet man hier.

Mikis Theodorakis – Ein Leben für die Freiheit
Die CD ist bestellbar unter
vertrieb@gerhard-folkerts.de

Die Überwindung der dunklen Kapitel deutsch-griechischer Beziehung und die Förderung der andauernden Versöhnung und Freundschaft zwischen Deutschen und Griechen, bleibt ein Hauptanliegen von Gerhard Folkerts als Musiker und als Bürger. „Durch die vielen Besuche von meiner Frau und mir in Griechenland“, sagt er, „durch die Vorträge und Konzerte, die ich dort hielt, entstanden viele Freund­schaften mit Griechen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die griechische Musik, die Tänze und Lieder, die griechische Literatur und Philosophie uns ermöglichen eine Brücke zu bauen, um die dunkle Periode unserer gemeinsamen Geschichte zu überwinden und um eine dauernde Versöhnung zwischen den Völkern Griechen­lands und Deutschlands auf der Basis von Anerkennung, Toleranz und Liebe zu gestalten. Ich bin entschlossen, mit meiner Musik den von Mikis Theodorakis eingeschlagenen Weg der Versöhnung zwischen den beiden Völkern weiterzugehen“.

Gerhard Folkerts mit seiner Frau Petra am Flügel in ihrem Haus in Wedel
(Foto © Jörg Frenzel/wedel.de)

pp/Feb2021

1 Das griechische öffentlich-rechtliche Fernsehen ERT-TV übertrug live das Konzert zum 85. Geburtstag von Mikis Theodorakis 2010 im Lykabettus-Theater von Athen, das Gerhard Folkerts mit einem Klaviersolo eröffnete. Hier der Link zur YouTube Konzertübertragung.


In der Reihe „Hellenen und Philhellenen“ sind bereits folgende Porträts erschienen:
Rainer Scheppelmann
Dr. Virginia Green
Prof. Dr. Stephan Henrich
Marily Stroux
Alkiviadis Thomas